Zockerweibchen

19 05 2008

Zum Anfang stellen wir uns doch einmal eine typische Samstagabendszene des Pärchens XY vor. Sie liegt schon seit Stunden im Bett und schaut Fernsehen, währenddessen Er auch nach langem Drängen der Freundin immer noch am PC sitzt, der natürlich zum Einzug ins Schlafzimmer platziert werden musste (was Sie damals schon störte), und auf jede vergebens gestellte Bitte doch endlich ins Bett zu kommen, nur ein Murmeln hervorbringt. Schließlich schläft Sie genervt ein und Er erfreut sich weiter an seinem Levelaufstieg.

Was sollen wir da noch sagen, meine lieben Herren der Schöpfung? Ich werde im folgenden einfach mal versuchen einigen Gerüchten und Meinungen diesbezüglich auf den Grund zu gehen. Und damit meine ich im speziellen das Thema „Frauen und Videospiele“.

Eines haben schon viele Untersuchungen und Studien ergeben: mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen sind der Sucht des Videospielens verfallen. Grund dafür ist die Größe des Belohnungszentrums im männlichen Gehirn, welches für die Ausschüttung der Glücksgefühle verantwortlich ist. Je höher der Erfolg ist, desto enger arbeiten die drei bei diesem Prozess beteiligten Gehirnareale zusammen, daher ist die Leidenschaft und der Drang des Konsums höher als bei Frauen. Computer machen Männer also definitiv durch die ihnen gegebenen natürlichen Voraussetzungen süchtiger. An diesem Punkt sei allerdings nicht das männertypische Klischee gegenüber Frauen und Technik heranzuziehen. Nein, liebe Männer, ihr seid nicht in jeder Lebenssituation unsere Retter, wenn mal wieder die Waschmaschine spinnt oder das Telefon streikt. Ganz im Gegenteil, auch Frauen können mit Technik umgehen. Und nicht nur damit, sondern auch mit PC, Videospielen und Controllern!!!

Hierbei kann man die Frauenwelt aber sicherlich in verschiedene Charaktere untergliedern:

1. Frauen, die niedliche Mädchenspiele spielen
Ja, es ist unser Laster. Ja, irgendwo im Inneren unseres Wesens lieben wir einfach das süße, kleine, kuschelige, mit Knopfaugen bestückte Geschöpf. Besonders Casual Games, die Spielchen für Zwischendurch (z.B. Moorhuhn, Bejeweled), faszinieren uns. Aber auch „sozialere Spiele“ wie Die Sims stehen bei uns ganz oben- hier sind ganze 55 Prozent der Spieler weiblich. Spätestens seit der Erfindung des beliebten Handhelds Nintendo DS oder der Wii können die ein oder anderen selbst ihre Kindheit mit Nintendogs oder Meine Tierfarm aufarbeiten. Auch Gedächtnistrainer, Sprachkurse oder virtuelle Reiseführer fallen in die Kategorie „Frauenkram“. Zu erwähnen ist allerdings auch, dass jene Spiele weniger suchtgefährdend sind. Frauen selbst neigen sowieso eher weniger dazu einem Spiel zu verfallen als Männer, da ihre sozialen Kontakte und Netzwerke in jeder Hinsicht besser gepflegt werden und mehr Priorität erhalten als der virtuelle Spaß.

2. Frauen, die niedliche Mädchenspiele spielen und hin und wieder mal ihrem Freund über die Schultern gucken
Irgendwann ist es jede Frau einmal Leid sich ständig vor ihren männlichen Bekannten für ihre Spielvorlieben rechtfertigen zu müssen. Also passiert es ab und zu, dass auch Frauen mal zu dem härteren Tobak ihres Freundes greifen. Ja, ich selbst bin so ein Fall von Frau. Als stolze Besitzerin eines Nintendo DS und sämtlichen Frauenspielen, probiere auch ich mich wenige Male an der Xbox meines Liebsten aus. Doch meist schleicht sich die Ernüchterung schnell ein und ich merke, dass das einfach nichts für mich ist. In seinen Videogames gibt es a) angeberische Helden mit enorm vielen Waffen, Stahlmuskeln und b) natürlich die dazugehörigen barbusigen Babes, welche das Gesamtbild abrunden. Wie kann eine Frau sich mit diesen Protagonisten identifizieren, stellt sich da die Frage? Wo bleiben 1. die weiblichen taffen Heldinnen, die es den Männern mal so richtig zeigen und 2. mehr sexualisierte männliche Charaktere?! Also, zurück zu meinem DS…

3. Frauen, die alles einmal probieren
(auch genannt „Die Frau zwischen Kalaschnikow und Nagellack“)
Lara Croft- für jene Art von Frauen ist sie das Vorbild schlecht hin. Ihr gelang es Spieler und Nichtspieler, Jungen und Mädchen, sowie Männer und Frauen gleichermaßen zu begeistern. Sie gilt als Frau mit Stärke, Kraft, Intelligenz und Schönheit. Frauen aus dieser Kategorie wollen genau dies symbolisieren. Sie möchten der Männerwelt sagen „Ja, auch wir können zocken“ und probieren sich daher in den verschiedensten Genres. Obwohl Frauen andere Ansprüche an Spielinhalte stellen als Männer, fordern sie keine auf Frauen spezialisierten Spiele. Die Bezeichnung als „Zockerweibchen“ trifft hier vollkommen zu. Sie besuchen die Games Conventionen (und haben genauso viel Spaß daran wie der Freund), sind Mitglied auf Gamesforen (z.B. www.playvanilla.de) und tauschen sich über Spiele genauso mit ihren Freundinnen aus wie über Mode, die komplizierte Männerwelt und die neuesten Gerüchte.

4. so genannte „Power- Zockerinnen“
Meist etwas maskuliner im Auftreten, kann diese Spezies von Frauen selbst dem einen oder anderen Mann etwas Angst einjagen. Ebenfalls wie die Männerwelt schafft sie es den ganzen Tag mit zugezogenen Rollläden im Zockerbunker zu sitzen und wie wild den Controller zu drangsalieren. Bestes Beispiel ist hier die 17- jährige Amerikanerin May Wang, die als WOW- Zockerin „Hafu“ die Jungs in den Schatten stellt. Auch einige Spieleentwicklerinnen (z.B. Jade Raymond- Assassins Creed) kann man sicherlich in diese Kategorie einordnen. Clans und Lan- Parties gehören zu ihren Hobbies, hier sind die wenigen Mädchenclans in der e-sport-Szene erwähnsenswert.

5. Frauen, die niemals ein Spiel angerührt haben
Viele Frauen verabscheuen Computerspiele. Allerdings sind es nicht nur die Frauen, die kein Interesse an Videospielen haben, sondern die Spiele, die Frauen nicht ansprechen. Und da wären wir wieder beim alten Problem. Natürlich versuchen es viele Frauen erst gar nicht, die meisten Spiele jedoch sind einfach nicht auf die weibliche Generation zugeschnitten. Vom Spielinhalt mal abgesehen, sind viele Games einfach nicht für Anfänger geeignet. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Gehversuche in Call of Duty- der pure Reinfall. Koordination von Gehen und Drehen lief mit dem Controller im wahrsten Sinne des Wortes voll gegen den Baum. Zudem bemerkte ich erstmals meine „Motion Sickness“. Einfach nur viel zu schwer und letztendlich frustrierend. Kein Wunder, dass Frauen denken, Videospiele sind einfach nichts für sie.

Spielehimmel sei Dank lässt sich die Mehrzahl von Frauen jedoch nicht so schnell entmutigen. Ca. 31 Prozent der gesamten Spieler am Markt sind Frauen. Die Tendenz: steigend, wie man an den Jahren 2005 und 2006 erkennt, wo sich der Anteil noch im 20er Bereich bewegte. Also Männer, zieht euch warm an!
Vielleicht könnt ihr mit etwas mehr Einfühlsamkeit und Geduld eure bessere Hälfte ja auch mal in Zukunft enthusiastischer für das Spielen begeistern. Obwohl sich Frauen und Videospiele natürlich unterscheiden, gibt es jedoch auch viele Gemeinsamkeiten:

- Frauen legen großen Wert auf ihr Äußeres und lieben schöne Kleider – Videospiele lauern in aufwendig gestalteten Verpackungen auf ihren Käufer. Wer ein Spiel auspackt, respektive eine Frau auszieht, wird im Grunde immer die gleiche Erfahrung machen, wenn er sich intensiver auf die Frau oder das Spiel einlässt.
- Je länger man eine Frau oder ein Spiel kennt, desto mehr Geheimnisse werden sich offenbaren. Entweder man liebt und spielt das Spiel (mit der Frau) weiter oder aber es stellt sich ein Gefühl von Desinteresse ein. Und die Ausschau nach der nächsten Frau oder dem nächsten Videospiel beginnt.

Also, wenn ihr es ab und zu auch einmal vorzieht ins Bett zu kommen, wenn Frauchen es möchte (was sich auch zu eurem Vorteil entwickeln kann), drücken wir ein Auge öfters mal zu und interessieren uns vielleicht auch für euer Hobby!

Ein (Erfahrungs-)Bericht von lillyfee, meiner Verlobten.


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5 Antworten

20 05 2008
quackberry

Es ist mehr als interessant, zu lesen, wie eine Frau über das Hobby der meisten Männer denkt; und tatsächlich wurden die verschiedenen Gruppen der Weiblichkeit gut beleuchtet. Ich finde nur interessant, dass das hier durch seine Weiblichkeit verkörperte Tomb Raider als beliebtes Frauenspiel genannt wird, denn auch unzählige Männer haben sich in die braunhaarige Archäologin verguckt. Sogesehen, schrecken großbüsige, breithüftige und anatomisch abnorm überzeichnete Frauenbilder nicht die reale Frauenwelt ab, anstatt sie vor den Bildschirm zu ziehen? Lara Croft jedenfalls wurde nicht umsonst einigen Schönheitsoperationen unterzogen, um den Spielern besser zu gefallen (und ich meine hiermit das Korrigieren zu breiter Lippen, zu schmaler Beine etc.).

20 05 2008
lillyfee

Das würde ich nicht so sehen. Auf den Gribs der „großbusig, breithüftigen und anatomisch abnormen Frau“ kommt es an. Und Lara Croft ist eine der wenigen, die Schönheit und Intelligenz in sich verbindet. Daher gilt sie für viele (Frauen) als eine Ikone in dem Bereich.

21 05 2008
geisterspiel

Festzustellen ist, daß die virtuelle Emanzipation in rasantem Tempo voranschreitet. Daß es zu jeder Zeit Unterschiede in männlichen und weiblichen Vorlieben geben wird (FPS vs Lebenssimulation) ist glasklar und nicht anders als bei Büchern oder Spielfilmen. Aber ich bin der Meinung, daß auch hier die Genre-Unterschiede mit zunehmender Zeit gehörig aufweichen, was ebenfalls daran liegt, daß sich Entwickler mittlerweile mehr Gedanken um geschlechtsübergreifenden Kontent machen.
Nicht zuletzt jedoch handelt es sich um eine Generationenfrage. Mädchen, die sich die Akzeptanz ihres Mediums nicht erkämpfen mussten, sondern damit aufwuchsen, werden einen selbstverständlicheren Zugang zu Virtueller Realität entwickeln.

Insgesamt gefallen mir die Texte hier ausgesprochen gut. Ich werde mit Vergnügen auf meinem Blog verlinken.

21 05 2008
quackberry

Ich gebe das Lob zurück und verlinke ebenfalls.

3 06 2008
haves

Haves says : I absolutely agree with this !

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